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Hermann Hesse: Stufen


Wie jede Blüte welkt
und jede Jugend
dem Alter weicht,
blüht jede Lebensstufe
Blüht jede Weisheit
auch und jede Tugend
zu ihrer Zeit und
darf nicht ewig dauern.

Es muss das Herz bei jedem Lebensrufe
Bereit zum Abschied sein und Neubeginne,
Um sich in Tapferkeit und ohne Trauern
In and're, neue Bindungen zu geben.
Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft zu leben.

Wir wollen heiter Raum um Raum durchschreiten,
An keinem wie an einer Heimat hängen,
Der Weltgeist will nicht fesseln uns und engen,
Er will uns Stuf' um Stufe heben, weiten.
Kaum sind wir heimisch einem Lebenskreise
Und traulich eingewohnt, so droht Erschlaffen,
Nur wer bereit zu Aufbruch ist und Reise,
Mag lähmender Gewöhnung sich entraffen.
Es wird vielleicht auch noch die Todesstunde
Uns neuen Räumen jung entgegensenden,
Des Lebens Ruf an uns wird niemals enden...
Wohlan denn, Herz, nimm Abschied und gesunde !

Joseph von Eichendorff: Es wandelt, was wir schauen...



Es wandelt, was wir schauen,
Tag sinkt ins Abendrot,
Die Lust hat eignes Grauen,
Und alles hat den Tod.

Ins Leben schleicht das Leiden
Sich heimlich wie ein Dieb,
Wir alle müssen scheiden
Von allem, was uns lieb.

Was gäb es doch auf Erden,
Wer hielt' den Jammer aus,
Wer möcht geboren werden,
Hieltst du nicht droben Haus!

Du bist's, der, was wir bauen,
Mild über uns zerbricht,
Dass wir den Himmel schauen -
Darum so klag ich nicht.

 

Matthias Claudius: Die Sternseherin Lise



Ich sehe oft um Mitternacht, 
Wenn ich mein Werk getan
Und niemand mehr im Hause wacht, 
Die Stern' am Himmel an.
Sie gehn da, hin und her zerstreut 
Als Lämmer auf der Flur;
In Rudeln auch, und aufgereih't 
Wie Perlen an der Schnur;

Und funkeln alle weit und breit, 
Und funkeln rein und schön;
Ich seh die große Herrlichkeit, 
Und kann mich satt nicht sehn...

Dann saget, unterm Himmelszelt, 
Mein Herz mir in der Brust:
»Es gibt was Bessers in der Welt 
Als all ihr Schmerz und Lust.«

Ich werf mich auf mein Lager hin, 
Und liege lange wach,
Und suche es in meinem Sinn, 
Und sehne mich darnach.